Mobil trotz Altersleiden: Assistenzsystem macht Lust auf Unternehmungen außerhalb der eigenen vier Wände

Dresden, / 6.11.2013

Sich im Alltag selbständig und sicher bewegen zu können, ist eine Grundvoraussetzung für Freiheit und Selbstbestimmung. Gesundheitliche Beschwerden, nachlassende Bewegungsfähigkeit, ein geringeres Seh- und Hörvermögen, Gedächtnisstörungen, Orientierungslosigkeit. All dies sind Altersleiden, welche die Mobilität im hohen Lebensalter einschränken und die Lebensqualität herabsetzen. Ein vom Fraunhofer-Institut für Phontonische Mikrosysteme IPMS mit sechs Partnern im Rahmen eines vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Forschungsverbundprojektes entwickelter Mobilitätsassistent soll helfen, Risiken bei außerhäuslichen Aktivitäten zu mindern und ältere Menschen zu mehr Mobilität zu ermutigen.

Die Auswahl der Funktionen auf dem Touchsceen des Mobilitätsassistenten erfolgt durch Tastendruck.

Der Verlust der Mobilität ist eine der bedeutendsten Gefahren des Alterns. So führt zum Beispiel die Beschränkung der eigenen Aktivitäten aus Angst vor Stürzen und der damit einhergehende Verlust von Sozialkontakten zu Vereinsamung. Zunehmende gesundheitliche Beschwerden oder das Nachlassen kognitiver Fähigkeiten wie Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Erinnerung und Orientierung halten Senioren von der aktiven Teilnahme am öffentlichen und kulturellen Leben ab. Die Mobilität außerhalb der Wohnung beschränkt sich in zunehmendem Maße nur noch auf die notwendigsten Wege im vertrauten Wohngebiet. Einer der Hauptgründe dafür liegt in der Befürchtung, sich in unbekanntem Terrain zu verlaufen und den Weg nach Hause nicht mehr zu finden. Doch auch die Angst vor Unfällen oder medizinischen Notfällen spielt eine große Rolle. Faktoren wie Stress und Dunkelheit sowie eine eingeschränkte Sehkraft verstärken das Unbehagen außerdem.

Um ältere Menschen bei der Aufrechterhaltung ihrer Mobilität außerhalb der eigenen vier Wände zu unterstützen, arbeitet das Fraunhofer-Institut für Photonische Mikrosysteme IPMS mit sechs weiteren Partnern an der Entwicklung eines Mobilitätsassistenten, der optimal auf die Bedürfnisse der Generation 65+ abgestimmt ist. Im Rahmen eines Forschungsverbundprojekts entsteht so ein intelligentes Assistenzsystem, das Senioren hilft, ihr gewohntes Leben auch noch im hohen Alter ohne Mobilitätseinschränkungen weiterzuführen. Die entwickelte Systemlösung besteht aus einem portablen Endgerät und einem dazugehörigen, zentralen Server, der allen Nutzern des Systems zugänglich ist. Die Datenübertragung wird mittels Mobilfunk realisiert. »Im Vergleich zu handelsüblichen Geräten wie Senioren- oder Notrufhandys, die oft sehr stigmatisierend wirken, haben wir hier einen grundsätzlich anderen Lösungsansatz gewählt.«, sagt Dr. Andreas Heinig vom Geschäftsfeld Wireless Microsystems am Fraunhofer IPMS und erklärt: »Der Mobilitätsassistent zielt darauf ab, älteren Menschen durch eine hohe personalisierte Funktionalität, aber dennoch extrem einfache Bedienung ein größeres Sicherheitsgefühl im Alltag zu geben. Deswegen ist das mobile Endgerät einer Uhr nachempfunden und enthält nur sehr wenige, dafür aber enorm wichtige Basisfunktionen.« Dies sind beispielsweise eine Notruffunktion, eine Funktion zur Benachrichtigung von Vertrauenspersonen, eine Navigationsunterstützung für den Heimweg, eine Erinnerung zur Medikamenteneinnahme oder ein automatischer Taxiruf. Welche Dienste letztendlich genutzt werden, hängt von den Wünschen und Bedürfnissen des Seniors ab und wird vorab auf dem Server programmiert. »Durch die Möglichkeit der Konfigurierung eines individuellen Nutzerprofils wird erreicht, dass jedem Senior nur die auf ihn direkt zugeschnittenen Funktionen auf dem mobilen Gerät angezeigt werden. Diese Funktionen können dann über einen einzigen Tastendruck aktiviert werden.«, erläutert Dr. Heinig den großen Vorteil des Systems. Da bei älteren Menschen mit verminderter Sehkraft gerechnet werden muss, wurde auf ein Display zur Anzeige von Textinformationen komplett verzichtet. Der verwendete Touchscreen dient ausschließlich zur Darstellung der virtuellen Tasten durch entsprechende Icons. Die Eingabe ist dabei konsequent auf zwei Ebenen limitiert. Die gesamte Kommunikation erfolgt über eine integrierte Sprachein-/Ausgabe. Um bei einem Unfall auch von extern reagieren zu können, soll der Mobilitätsassistent zusätzlich mit einer Sturzerkennung ausgestattet werden.

Das Fraunhofer IPMS ist für die Systemkonzeption des portablen Endgeräts zuständig, was die Entwicklung der Gerätesoftware mit Displayansteuerung und -bedienung, die Ein- und Ausgabe über Mikro und Lautsprecher und die zugehörige Realisierung der Sensorankopplung für die Sturzerkennung beinhaltet. Außerdem arbeitet das Dresdner Institut an einer Lösung zur drahtlosen Kommunikation über Voice-over-IP zwischen Gerät und Server sowie an der Datenübertragung zum Funkmodul.

Auf der international führenden Fachmesse für Medizintechnik, Elektromedizin, Laborausstattung, Diagnostica und Arzneimittel Medica vom 20. bis 23. November 2013 in Düsseldorf wird das Fraunhofer IPMS die für den Mobilitätsassistenten entwickelte Systemlösung der Öffentlichkeit präsentieren. Besucher finden die Ausstellung am Gemeinschaftsstand der Industrie- und Handelskammer zu Leipzig in Halle 3 am Stand E74.

Das Verbundprojekt ist eines von 14 Projekten der BMBF-Fördermaßnahme »Mobil bis ins hohe Alter – nahtlose Mobilitätsketten zur Beseitigung, Umgehung und Überwindung von Barrieren«. Die Förderung der ausgewählten Projekte durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung ist Bestandteil des Zukunftsprojekts »Auch im Alter ein selbstständiges Leben führen« und damit ein weiterer Schritt zur Umsetzung der Hightech-Strategie der Bundesregierung. Neben dem Fraunhofer IPMS sind die MasterSolution AG (Plauen), die Binder-Elektronik GmbH (Sinsheim), die WILDDESIGN GmbH & Co. KG (Gelsenkirchen), die Dresdner Druck- und Verlagshaus GmbH & Co. KG (Dresden) sowie die Universität der Bundeswehr München (Neubiberg) beteiligt.

Über Fraunhofer IPMS
Das Fraunhofer-Institut für Photonische Mikrosysteme IPMS realisiert mit 220 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein jährliches Forschungsvolumen von 22 Millionen Euro. Mehr als zwei Drittel dieses Leistungsbereichs erwirtschaftet das Fraunhofer IPMS mit Aufträgen aus der Wirtschaft und mit öffentlich finanzierten Projekten der angewandten Forschung. Im Fokus der Entwicklungs- und Fertigungsleistungen steht die industrienahe Verwertung der alleinstellenden technologischen Kompetenzen auf dem Gebiet der (optischen) Mikro-Elektromechanischen Systeme [MEMS, MOEMS]. Dabei nutzt das Fraunhofer IPMS wissenschaftliches Know-how, Applikationserfahrung und Kundenkontakte sowie moderne Anlagentechnik und Reinraum-Infrastruktur. Das Fraunhofer IPMS deckt eine breite Palette industrieller Anwendungen ab. Das Leistungsangebot reicht von der Konzeption über die Produktentwicklung bis zur Pilotserienfertigung – vom Bauelement bis zur kompletten Systemlösung.